Die Kunst und die Sprache des Grading erlernen

Workshop während der World Money Fair in Berlin ermöglicht Einblicke in die Welt der unabhängigen Einstufung von Sammlermünzen.

Von Sebastian Wieschowski
Numismatischer Fachautor

Während unten in der Messehalle lauter Trubel zu vernehmen ist, ist auf der Empore in der Haupthalle des „Estrel Convention Center“ am Sonntagvormittag eine Handvoll Münzenfreunde darin vertieft, Münzen von allen Seiten zu betrachten, aus nächster Nähe mit einer Lupe zu begutachten und aus der Ferne einen Gesamteindruck zu gewinnen.

Sie tuscheln mit ihren Tischnachbarn, grübeln und notieren nach einigen Augenblicken eine Ziffer auf ein Blatt Papier. Nach einer halben Stunde hat jeder insgesamt 20 Münzen untersucht, darunter sowohl historische als auch moderne Stücke aus aller Welt. Und als wenig später die Lösungen für das kleine Quiz verteilt werden, ist so manches Raunen zu vernehmen.

Manche Grader sagen, dass das „Third Party Grading“, also die professionelle Einstufung von Sammlermünzen von unparteiischen Anbietern wie der Numismatic Guaranty Corporation (NGC), eine Kunst sei. Andere Grader weisen darauf hin, dass Grading eine Sprache sei, die erlernt werden müsse.

Aus diesem Grund hatten interessierte Händler und Sammler in Deutschland erstmals die seltene Gelegenheit, ein maßgeschneidertes Seminar zur Einstufung von Münzen während der „World Money Fair“ zu besuchen, einer der größten Münzenbörsen der Welt, die vom 1. bis 3. Februar 2019 in Berlin stattfand.

David Camire, ein Grading-Finalizer bei NGC, führte durch ein Grading-Seminar während der World Money Fair in Berlin im Februar 2019.

In Zusammenarbeit mit dem Organisationsteam der World Money Fair hat NGC einen „Grading Workshop“ veranstaltet, welcher an gleich drei Terminen angeboten wurde. Ein ausgewiesener Grading-Experte hatte eine Einführung in die Kunst sowie die Sprache des Grading für seine Zuhörer einzuführen. David Camire ist Münzensammler seit über 40 Jahren und hat sich zu einem Spezialisten für Prägetechniken entwickelt. Er war vor seinem Engagement bei NGC auch als Händler tätig und arbeitet inzwischen seit über 20 Jahren als sogenannter „Grading-Finalizer“ - hierbei handelt es sich um den Leiter des Grading-Teams, welcher die Einstufungen der übrigen Grader überprüft und die finale Einstufung festlegt.

„Um Münzen zu beschreiben, muss man sie vergleichen können“, erklärte Herr Camire zu Beginn des Workshops. Die Echtheit ließe sich mit „ja“ oder „nein“ klar definieren, aber für die Beschreibung des Erhaltungszustandes wurde laut David Camire in den USA bereits in den fünfziger Jahren eine Skala entwickelt. Hierbei handelt es sich um die „Sheldon-Skala“. Diese übersetzt die groben Einstufungskategorie wie „schön“, „sehr schön“ oder „Stempelglanz“ in eine detailreiche Skala. Diese beginnt mit „1“ (für Münzen mit der größtmöglichen Abnutzung) und schließt mit der „70“ (mit unberührten Münzen) ab. Die Grading-Stufe „70“ wird laut David Camire für eine Münze vergeben, „exakt wie sie aus der Prägestätte rausgekommen ist, ohne jegliche Abnutzung.“

Laut Herrn Camire herrschen verschiedene Grades vor, je nachdem ob man sich mit klassischen Münzen oder modernen Münzen beschäftigt. Während klassische Münzen üblicherweise ein Grade bis MS65 erreichen, ist bei modernen Münzen ein Grade zwischen MS67 und MS70 üblich. Grundsätzlich würden Münzen, welche irgendeine Form von Abnutzung aus dem Umlauf aufweisen, unterhalb des „MS“ („Mint State“) Spektrums eingestuft und könnten maximal „AU 58“ erreichen (eine Münze mit dieser Einstufung zeigt minimale Abnutzungsspuren an den höchsten Punkten des Reliefs). Unzirkulierte Münzen sind im Bereich zwischen „MS60“ und „MS70“ angesiedelt – aber nur, wenn sie keinerlei Umlaufspuren aufweisen.

Im Rahmen des Grading-Workshops gab David Camire einige seltene Einblicke in die Arbeit eines Graders. Er erklärte, dass die Grader auf der Suche nach der korrekten Grading-Stufe üblicherweise ganz oben anfangen und eine perfekte „MS70“-Münze als Referenz nehmen, und nehmen Abzüge für die Probleme auf der Münze in Form von Punkten ab, um die finale Einstufung vorzunehmen. Eine Münze am unteren Ende des MS-Spektrums, also eine „MS60“-Münze, darf größere Schäden aufweisen, beispielsweise vom Transport in Säcken von der Prägestätte zur Bank, aber sie darf keine Abnutzung aufweisen.

Herr Camire wies darauf hin, dass der Unterschied zwischen 69 und 70 insbesondere bei modernen Münzen sehr winzig ist, besonders bei modernen Münzen.

Neben dem numerischen Grading ging David Camire auch auf die Fälle ein, bei denen es nicht möglich ist, eine Grading-Stufe festzulegen: Wenn die Münze irgendeine Form der nachträglichen Veränderung, Umweltschäden oder unsachgemäßen Behandlung aufweist, erhält es ein „Details Grade“. Die Münze wird mit einem Adjektiv beschrieben im Hinblick auf das Ausmaß der Abnutzung (beispielsweise „AU Details“) sowie einer Beschreibung des Grundes (beispielsweise „zerkratzt“).

Der erfahrene Grader hatte abseits des nötigen Grundlagenwissens auch einige Tipps für die nächste Einreichung bei einem Grading-Dienstleister parat: Als Umgebung für die Einstufung empfiehl Camire einen dunklen Raum und als einzige Lichtquelle eine Glühbirne mit 75 oder 100 Watt. Als einziges Hilfsmittel sollte eine Lupe zum Einsatz kommen.

Er empfahl, die Münze zuerst unter dem Licht aus Entfernung einer Armlänge anzusehen und einen allgemeinen Eindruck zu gewinnen - insbesondere um die Echtheit zu überprüfen. Eine Lupe sei in diesem Stadium des Grading-Vorganges noch nicht nötig. Die Münze sollte in alle Richtungen gekippt werden, um auch solche Veränderungen zu erkennen, die bei einem bestimmten Lichteinfall unentdeckt bleiben.

Die Teilnehmer hatten die Gelegenheit, ihre Grading-Kenntnisse anhand von 20 Münzen zu überprüfen.

Nach dem etwa 30-minütigen Grading-Crashkurs durften die Teilnehmer selbst Hand anlegen und eine Auswahl an 20 Weltmünzen einer Einstufung unterziehen. Und NGC hatte es den Workshop-Teilnehmern nicht leicht gemacht: Neben unterschiedlichen Epochen und Ländern waren auch Münzen mit nachträglichen Veränderungen enthalten, welche bei akkurater Analyse ein „Details“-Grading bekommen müssen. Zudem wurde auch eine Fälschung in die Auswahl aufgenommen.

Reihum wurden die Münzen daraufhin unter die Lupe genommen - und es gab so manchen Aha-Effekt: So wurden beispielsweise mehrere Milchflecken auf einer modernen Panda-Silberanlagemünze erst beim Drehen der Münze in eine bestimmte Richtung sichtbar. Und die Fälschung einer 100-Dollar-Goldmünze aus Australien mit dem „Australian Kangaroo“ stellte so manche Teilnehmer, darunter auch Händler, vor eine Herausforderung: Es brachen engagierte Diskussionen aus, ob die Fälschung aus Fernost mit „MS68“ oder „MS69“ einzustufen sei.

Diese australische Münze war Teil des Grading-Quiz: Die korrekte Antwort hierfür war: "Nicht authentisch".

Hier wurde abermals die Bedeutung einer unparteiischen Einstufung durch einen professionellen und spezialisierten Grading-Dienstleister wie NGC deutlich.

Eine der Teilnehmerinnen des NGC Grading Seminars während der World Money Fair in Berlin im Februar 2019.

Die positiven Rückmeldungen nach dem Workshop - und so manche erstaunten Reaktionen nach der Bekanntgabe der tatsächlichen Grading-Ergebnisse der Beispiel-Münzen - machen deutlich, wie wichtig und wertvoll präzise Hintergrundinformationen rund um das „Third Party Grading“ sind. NGC wird daher seine Anstrengungen fortsetzen und Sammlern, Anlegern sowie Händlern die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um ein vertieftes Verständnis für den Grading-Prozess zu entwickeln und diese Form der Einstufung von Münzen für sich zu entdecken.

Sebastian Wieschowski arbeitet seit 2007 als Autor mit Fokus auf Münzen und Edelmetalle. Seine Artikel sind in Fachzeitschriften wie MünzenRevue, Coin World sowie dem Journal of East Asian Numismatics erschienen. Er ist Autor vom Bullion Buch sowie dem Schwarzbuch Münzfälschungen und Absolvent der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft.

Dies ist ein Gastartikel. Die Gedanken und Meinungen in diesem Text spiegeln den Standpunkt des Autors wieder und müssen nicht zwangsläufig mit der Position der Certified Collectibles Group übereinstimmen.


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